Aikido Union Linz - Artikel


Achtsamkeit mit dem Partner

Eine Besonderheit von Aikido ist die Arbeit mit Partnern. Partner stehen einander gleichwertig gegenüber. Es geht nicht darum, für sich allein besonders elegante Bewegungen zu vollführen. Es geht auch nicht darum, besser zu sein. Mit Aikido können wir üben, uns an Gegebenheiten anzupassen. Ki fließt in der gemeinsamen Bewegung dann harmonisch, wenn es uns gelingt eine gemeinsame Basis hinsichtlich Dynamik und Rhythmus zu finden.

Parallelen dazu finden wir beim Tanzen, und allgemein in Beziehungen zu anderen Menschen. Auch hier fließt Ki. Wenn wir einem Menschen ständig beweisen wollen, dass wir besser sind, erhält dieser nie das Gefühl, dass er für uns und unseren Entwicklungsweg wertvoll ist. Der Weg, voneinander zu lernen, endet, indem sich dieser zurückzieht und sich jemandem zuwendet, von dem sie oder er sich angenommen, respektiert und geachtet fühlt. Bei Aikido-Techniken äußert sich das darin, dass der Partner den Fluss der gemeinsamen Bewegung blockiert oder versucht, sich dieser zu entziehen.

Durch Aikido lernen wir Achtsamkeit und Beziehungsfähigkeit. Es liegt an uns, mit dem Partner so umzugehen, dass sich dieser vertrauensvoll von uns führen lässt. Wenn wir uns auf die Ebene eines Partners begeben, der weniger Erfahrung besitzt, heißt das nicht, dass wir uns auf ein niedrigeres Niveau begeben. Ganz im Gegenteil zeigt sich wahres Können darin, dass der Partner sich begleitet und geführt fühlt. Dann entsteht eine gemeinsame, harmonische, dynamische und fließende Bewegung.

Natürlich dürfen wir mit Aikido lernen, Standpunkte zu vertreten, was sich darin ausdrückt, dass wir präsent sind. Gerade im Aikido-Training finden wir dafür einen geschützten Bereich. Die Erfahrung zeigt, dass Uke, auch wenn er noch so übermächtig erscheint uns nicht mit dem Schwert spaltet, wenn wir ihm etwas zaghaft begegnen. Im schlimmsten Fall finden wir uns in einer Gegentechnik wieder.

Wir dürfen erkennen, wenn wir es zulassen, dass unser Bewusstsein seinen Stammsitz, das Hara, verlässt und sich nur mehr mit dem Gegenüber beschäftigt. Dann finden wir uns in der Rolle des Opfers, fühlen uns hilflos und ausgeliefert. Wir beschuldigen den Partner, Ursache für unsere eigene Handlungsunfähigkeit zu sein.

Wie im täglichen Leben finden wir bei Aikido Ukes, welche die Aufgabe haben, unsere Mitte zu stören. Dadurch lernen wir, uns ungeachtet dessen, was außerhalb von uns passiert, auf unsere eigenen Handlungen zu konzentrieren und unser Bewusstsein in der eigenen Mitte zu bewahren. Da stellt sich die Frage, ob ich beleidigt oder aggressiv reagieren muss, wenn jemand durch Atemi, Worte oder sein Verhalten meine Mitte stört oder ob ich zu wenig achtsam war, weil ich von einem Angriff überrascht wurde.

Als Ausdruck von Respekt gilt, dass unser Ukemi so ausgeführt wird, dass unser Partner in seinem Können gefordert wird und wir diesem die Möglichkeit bieten, seinem Niveau entsprechend zu arbeiten. Ein lascher Angriff drückt Missachtung der Fähigkeiten des Partners aus. Gleiches gilt, wenn wir im vorauseilenden Gehorsam beim Ukemi die sich ergebende Bewegung vollführen oder uns fallen lassen, bevor der Impuls dazu von unserem Partner kommt.

Tiki Shewan weist immer wieder hin, darauf zu achten, dass wir unseren Partner nicht unabsichtlich verletzen. Wir lernen damit, die Verantwortung für unsere Handlungen zu übernehmen. Wenn es also einfach passiert, waren wir zu wenig achtsam. Ebenso drücken wir Achtung aus, wenn wir einen Angriff so vortragen, dass wir wirklich die Energie für den Fluss der Bewegung einbringen, dessen Richtung dann von Tori geführt wird. Blockieren wir beim Ukemi den Fluss der Bewegung indem wir uns zurückziehen anstatt weiter Energie einzubringen, drücken wir dem Partner gegenüber aus, dass wir ihm mangelnde Achtsamkeit unterstellen.

Die gemeinsame Bewegung entsteht also dadurch, dass Uke Ki einbringt, das von Tori in Bahnen gelenkt wird. Genauso lassen sich Konflikte im täglichen Leben lösen. Wir betrachten die Unannehmlichkeiten des Lebens als eine Ausdrucksform von Energie, die versucht unser inneres Gleichgewicht zu stören. Bleibt das Bewusstsein im Hara und nehmen wir die eintretende Situation als Übungsmöglichkeit dazu an, brauchen wir nur mehr dafür zu sorgen, dass sich die Situation so weiterentwickelt, dass wir die Richtung kontrollieren.

Schlussendlich wollen wir aber auch Toleranz, Humor und Lebensfreude nicht vergessen. Wir dürfen auch miteinander scherzen, uns gegenseitig liebevoll herausfordern und die Fliehkraft von Würfen genießen. Doch auch dann dürfen wir Respekt und Achtsamkeit zeigen.


© Gerhard Klafböck -