Karlfried Graf Dürckheim: Hara - Die Erdmitte des Menschen
Im Zeitgespräch über Leib und Seele taucht eine neue Stimme
auf, die alle anspricht, die es praktisch oder wissenschaftlich mit
Problemen des Menschlichen zu tun haben: Karlfried Graf von
Dürckheim, Hara - die Erdmitte des Menschen. Dürckheims
Auffassung vom Menschen transzendiert die Unterscheidung von Leib
und Seele im Begriff eines "personalen Subjektes, das in seinem
leibhaftigen Dasein das Divine Sein zu manifestieren bestimmt ist"
und in der Erfüllung seiner Bestimmung - jenseits von Medizin und
Psychologie - durch geistliche Übungen gefördert werden kann.
Hara bedeutet im Japanischen nicht nur "Bauch" im anatomischen
Sinn, sondern hat existentielle Bedeutung. Nur wer als ganzer Mensch
seinen Schwerpunkt in der basalen Mitte gewinnt und wahrt, kann wirklich
reifen und als Gereifter aus Freiheit das ewige Stirb und Werde
bewähren, das alles Leben gesetzlich verwandelt. Hara meint weder
etwas Körperliches noch etwas Seelisches, sondern die Verfassung
eines Menschen, die in der Einheit des Ursprungs zentriert ist. Der
Besitz von Hara erweist sich in der Welt in einer gesteigerten Lebenskraft
und Leidensfähigkeit. Doch dieses ist nur der säkulare
Ausdruck des transzendentalen Sinnes von Hara: dass er den Menschen
vom Bannkreis seines Ichs befreit und dadurch für die Erfahrung
und Bekundung des transzendenten Seins öffnet. Hara ist gleichsam
ein Verbindungsstück zwischen dem überweltlichen Sein und
dem geschichtlichen Dasein, zwischen dem religiösen Erlebnis der
ursprünglichen Einheit des Lebens und ihrer weltkräftigen
Bezeugung. Das Wissen um Hara ist zwar eine Blüte östlicher
Weisheit, aber von allgemeinmenschlicher Bedeutung.
Im zweiten Teil des Buches führt Dürckheim in die praktische
Übung des Hara ein. Üben bedeutet für Dürckheim:
Die Fühlung herstellen zur Transzendenz und sie im Immanenten
sich ereignen lassen. So wird auch der Alltag als Übung zur
existentiellen Praxis des Auf-dem Wege-Seins. Die Einführung
von Exerzitien in die Praxis der Großen Therapie stellt ein Novum
dar, das einem weithin empfundenen Bedürfnis entspricht.
Karlfried Graf Dürckheim
Hara - Die Erdmitte des Menschen
Otto Wilhelm Barth Verlag, 1995, ISBN 3-502-67151-6
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